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Dienstag, 19. Februar 2013

Chidambaram

Chidambaram ist mit dem Taxi in ca. drei bis vier Stunden von Tiruvannamalai aus erreichbar. Bekannt und berühmt ist die Stadt mit ungefähr 60.000 Einwohnern wegen des Nataraja-Tempels, einem der heiligsten Orte in ganz Tamil Nadu. Die Stadt Chidambaram ist ganz auf den Tempel ausgerichtet, das riesige Areal mit den vier Eingangstürmen, den Gopurams, steht im Zentrum, und wird von ringförmigen Straßen umgeben.

In diesem Tempel, der Siva geweiht ist, wird die Gottheit nicht wie sonst als körperloser Lingam dargestellt, sondern als vielarmiger kosmischer Tänzer. Sein ekstatischer Tanz lässt die Welt entstehen, erhält sie und bringt auch wieder Zerstörung, ein Symbol für den Zyklus aus Geburt, wachsen und Auflösung im Tod. Unter den Füßen des Tänzers wird ein Zwerg niedergehalten als Zeichen der Meisterschaft über die Täuschung, die Maya.

Der Nataraja-Tempel in Chidambaram ist einer jener heiligen Orte, die in Verbindung mit einem der fünf klassischen Elementen der indischen Philosophie stehen. Tiruvannamalai mit dem Berg Arunachala und seinem Tempel sind Plätze des Agni, des Feuer-Elements, Chidambaram hingegen ist ein Ort des Aakash, des Äthers, der großen Leere, des endlosen Nichts, des reinen Bewusstseins, der Quelle allen Seins.

Wie ich schon von mehrmals schrieb, sind an Indiens heiligen Plätzen die verschiedenen Qualitäten der Energien sehr spürbar. Wenn Sie jemals das Tempelareal in Chidambaram betreten und sich dem Schrein im inneren Bereich nähern, werden Sie erleben, wie der Geist von ganz alleine ruhig und klar wird und sich die sonst rastlosen Gedanken verflüchtigen. Man schwingt sich ein auf die endlose Weite des Kosmos und läßt die Grenzen der Welt hinter sich.
Das Idealbild des Meditationsprozesses: Der Geist als stiller See mit glatter Oberfläche, ungekräuselt durch Gedankenwellen, in dem sich unverzerrt das göttliche Licht spiegelt.
Hier an diesem magischen Ort verbrachten Toby und ich einige Zeit schweigend und versunken, und schenkten dem Kosmischen Tänzer unsere kleinen Gaben, die Archana.

Vor dem Tempel dagegen: Nicht nur Betriebsamkeit, sondern mehr als das. Hier wurden wir, zum ersten Mal in Indien, von Bettlern verfolgt. Elende junge Müttern mit kleinen Babies stellten sich uns in den Weg und „money, money, money“ rufende Kinderscharen umringten uns. Toby, die resolute, selbstbewusste Person tat das einzig richtige: Während ich noch nicht recht wußte, wie mir geschah und verdutzt um mich guckte, packte sie mich schon am Arm und zog mich weg, zurück zum Taxi.

Sonntag, 17. Februar 2013

Wieder in Tiruvannamalai

Nach meinem Ausflug nach Kumbakonam, ich nenne es mal Tempel-Rallye, zog es mich wieder zurück nach Tiruvannamalai. Alles, was ich in Indien erledigen wollte, war jetzt geschafft. Ich war beim Nadi-Reading in Chennai gewesen, ich bin zweimal den Girivalam gelaufen und hatte alle vom Astrologen empfohlenen Orte besucht, die Gottheiten geehrt und meine Gaben und Gebete dort gelassen.

Alles, was ich jetzt noch wollte, war Zeit in der wunderbaren Atmosphäre des Berges verbringen.
Toby, meine amerikanische Bekanntschaft von meinem zweiten Girivalam, ist ein geborenes Organisationstalent und eine wunderbare Frau, und wir hatten beschlossen, uns für die verbleibende Zeit in Tiruvannamalai ein Zimmer im einzigen örtlichen Resort zu teilen. Wir wollten es uns gut gehen lassen, also den Room Service beanspruchen, im Pool planschen, uns den Rücken auf ayurvedische Art massieren lassen und ein bisschen die Traveller-Cafes im Ort besuchen, bevor ich wieder nach Hause fliegen musste und sie weiter reiste zu einem buddhistischen Training in Nepal.

Während Toby in der Regel im Morgengrauen aufstand und unglaublich diszipliniert buddhistische Rituale praktizierte, dabei akribisch eine Liste mit der Anzahl der bereits gesprochenen Gebete und Mantren und Verbeugungen führte, blieb ich einfach faul im Bett liegen, genoß später das leckere indische Frühstück, welches in daheim in Deutschland so sehr vermissen würde, las ein bisschen und schaute den Berg an. Manchmal unternahmen wir am Nachmittag etwas zusammen, beispielsweise uns in traditionelle indische Salwar Kameez einzukleiden oder eine Kleinigkeit im Shanti Cafe zu essen, manchmal redeten wir nur einfach und machten weiter – nichts.
Dolce far niente.

Einmal unternahmen wir den Versuch, ein Stück den Berg zu besteigen, um die Meditationshöhlen Ramana Maharishis und die Wasserfälle zu besuchen. Ich wollte noch als Zeichen meiner Dankbarkeit und Verehrung ein Ritual an die Wesenheit des Arunachala durchführen. In der schamanischen Tradition, die mich an diesen Ort geführt hatte, nennt man eine solche rituelle Gabe aus den verschiedensten Dingen, die die Natur uns schenkt, ein „Despacho“.
Für das Despacho hatte ich im Ort eine Auswahl an Hülsenfrüchten, Gewürzen und Nüssen gekauft, die hübsch arrangiert und mit unseren guten Wünschen und unserem Atem als persönlichster Gabe dem Platz geschenkt werden sollten. Ein solches Ritual ist immer ein besonderes Erlebnis, man kommt in einen richtigen flow des Gebens und Nehmens und es entsteht eine sehr schöne Energie dabei. Der Ort, den wir für das Despacho auserkoren hatten, lag etwa auf halber Höhe und bot einen großartigen Blick auf Tiruvannamalai mit seinem riesigen Tempelareal.

Die Nachricht, daß zwei Touristinnen mit einer Tasche voll Essbarem auf einem kleinen Felsplateau saßen, muss sich in der Affenwelt rasend schnell verbreitet haben. Kaum hatten wir begonnen die ersten Gaben auszulegen, waren wir von einer ganzen Herde der Tiere umringt, die sich frech ihre Lieblingsleckerbissen herauspickten, und alles, was nicht so schmeckte, den Abhang hinunter fegten.

Ich gehe jetzt mal davon aus, daß der Apu bereits unseren guten Willen als Ergebnis akzeptiert hat, und so sind wir eben wieder bergab marschiert, ich für mich mit dem Vorsatz, daheim in Deutschland an einem ruhigeren Platz ein weiteres Despacho zu machen. Unsere einheimischen Tiere sind ja in solchen Dingen glücklicherweise etwas weniger vorwitzig. Da die Wesenheit des Arunachala, Lord Siva selber, ja auch als Affengeneral Hanuman inkarniert ist, war diese kleine Party unter Verwandten vielleicht ein Ausdruck seines Humors und seiner Liebe zu allen Wesen.

Die wunderbare überirdische, lichte, freudige und liebevolle Energie des Berges durfte ich eines nachts spüren, als ich wach wurde und die göttliche Präsenz viel intensiver spüren konnte als sonst. Es ist in dürren Worten kaum beschreibbar, und ich bin leider keine mystische Dichterin, die dieses Erlebnis in ausdrucksvollen, hymnischen Bildern erzählen kann. Nur so viel: Ich lag in meinem Bett und die Tränen der Rührung flossen in Strömen, und sie tun es noch jetzt, wenn ich nur davon schreibe oder daran denke. Es war die Berührung der Gottheit selber.

Dienstag, 5. Februar 2013

Kumbakonam

Die Tempelstadt Kumbakonam ist mit dem Bus in ungefähr sechs Stunden Fahrt in Richtung Süden von Tiruvannamalai aus erreichbar und gehört ebenfalls zu den wichtigen Pilgerorten in Tamil Nadu. Meine ganze Indienreise war im Grunde eine Pilgerschaft, zuerst zum Heiligen Berg Arunachala, der mich gerufen hat, und dann nach Kumbakonam, wohin mich der vedische Astrologe aus Chennai geschickt hat.

Der Haupttempel in Kumbakonam, der Kumbareshwara-Tempel, ist Siva geweiht, aber ich besuchte andere Orte in der Umgebung. Die freundlichen Herren in meinem Hotel haben mir eine Tour mit den empfohlenen Zielen zusammengestellt, und der nette Fahrer hat mich begleitet, immer rücksichtsvoll, wenn ich noch Zeit zur Andacht brauchte, und umsichtig und hilfsbereit, wenn ich die angegebenen Opfergaben kaufte und meinen Weg durch die Tempel suchte.
Vor jedem Tempel gibt es Verkäufer, die Archanas anbieten, das sind Arragements aus Blumengirlanden, Früchten und allem, was den jeweiligen Tempelgott erfreut. Diese Gaben übergibt man dann den Brahmanen, die die Sachen in der vorgeschriebenen Weise darbringen. Gut ist es, wenn man dafür sein Nakshatra weiß, das astrologische Mondzeichen, denn der Brahmane „identifiziert“ die Besucher bei der Tempelgottheit mittels Vornamen und Nakshatra (einfache reports zur Berechnung des Nakshatra finden sich z.B. auf www.astroved.com).
Der Gläubige kann beten und empfängt den Segen durch den Anblick der Gottheit während eines Darshan. Noch eine kleine Spende, und man bekommt andere Gaben, die von der Gottheit und der Schwingung im Tempel bereits energetisiert sind, mit nach Hause. Die Stirne wird mit heiliger Asche aus den Feuerritualen, mit Vibhuti, versiegelt, damit die reine göttliche Schwingung auch in der weltlichen Atmosphäre draußen geschützt bleibt, und rotes Kumkum markiert das dritte Auge auf der Stirne.
Wer mehrere Tempel an einem Tag besucht sieht dann auch schon sehr besonders aus...

Um Kumbakonam herum gibt es Planetentempel, in denen die Planetenwesenheiten verehrt werden, und auch einen Navagraha-Tempel, der hauptsächlich Suryan, der Sonnengottheit, geweiht ist, wo es aber auch Schreine für die Verehrung all der anderen Planeten gibt. Dieser besondere Navagraha-Tempel (nava = neun, graha = Planet) in Suryanar war eines meiner Ziele, um die wenig erfreulichen Aspekte meines Horoskops und meines Nadi-readings zu heilen, indem ich die Gottheiten besuchte, sie ehrte und wieder Freundschaft mit Ihnen schloß.
Außerdem wurde ich noch zu Tempeln geschickt, die den übergeordneten Göttern der für mich wichtigen Planetenwesen geweiht waren. Wegen eines dominanten Mars im Horoskop besuchte ich Sri Murugan in seinem Heiligtum in Swamimalai, denn er ist der Herr über den Marsgott. Die göttliche Mutter Durga, welche den Schattenplaneten Rahu im Griff hat, ehrte ich mit einer Girlande aus Limonen, für jedes meiner Lebensjahre eine. Siva ist der Herr über die Sonne und über Saturn, und ihn besuche ich sowieso immer gern an seinen heiligen Orten.

Was so besonders ist an den Tempeln in Indien – wer nur einigermaßen feinfühlig ist, kann an jedem Ort eine andere (heilsame) Energie spüren. Die jeweilige Atmosphäre wird seit ewigen Zeiten von den Brahmanen gepflegt, mit Ritualen, und mit den heiligen Schwingungen der Mantren.
Man hört das feine Summen des ewigen Tones OM und spürt die große Leere in den Siva-Heiligtümern, man fühlt den Energiestoß von Durga-Ma an Ihrem eigenen Platz und Sri Murugan, der Kämpfer, macht eine Grundreinigung des Energiekörpers. Shani, der Saturn-Gott, ist sehr erhaben, und Saraswati, die Göttin der Wissenschaften und der Künste, die ich für mein Kind besuchte, ist heiter und freundlich.

Es kann schon mal vorkommen, daß das Handy des Brahmanen während eines Rituals klingelt und er schnell mal eine klitzekleine sms tippen muss... Nichtsdestotrotz, diese wunderschönen Pilgerstätten beherbergen eine wirkliche Kraft, die nachwirkt.

Pilgern gehört für mich zu den wichtigen Werkzeugen, die wirklich helfen, wenn jemand sein Leben ändern möchte. Wenn es gilt, Karma aufzulösen, Lasten abzulegen und heil zu werden.
Sich alleine auf den Weg zu machen, sich dem Leben, dem Weg und den Energien unterwegs zu überlassen, vielleicht auch an seine Grenzen zu kommen und darüber hinaus, immer im Vertrauen darauf, daß für alles gesorgt ist und Führung nahe, all das hat eine eigene mystische Kraft.
Probieren Sie´s aus, wenn Sie am Ende Ihres Weges sind und nicht mehr weiter wissen...

Montag, 14. Januar 2013

Girivalam

Der Girivalam ist die rituelle Umrundung des heiligen Berges Arunachala im Uhrzeigersinn (Giri = Hügel, Valam = Umrundung); Giripradakshina hat dieselbe Bedeutung.

Im Jahr 2011 sind über 8 Millionen Besucher nach Tiruvannamalai gekommen, davon waren sicherlich die meisten Pilger welche sich aufmachten, die knapp 14 km lange Strecke zu gehen - oder auch zu fahren. Auch die Fußkranken und die Gebrechlichen müssen nicht verzweifeln, der Girivalam ist auch mit dem Auto, Taxi, Bus, Riksha oder Fahrrad erlaubt!
Besonders zu Vollmond strömen die Gläubigen in die Stadt, und natürlich zu Deepam im Tamil-Monat Karttigai (nach unserem Kalender ein Tag Ende November / Anfang Dezember).
An diesem größten aller religiösen Festivals im Ort steht der Mond in Konjunktion mit dem Sternenhaufen der Plejaden, riesige Ghee-Feuer werden dann auf dem Berggipfel entzündet und Tiruvannamalai wird von Wallfahrern regelrecht überrannt. Die Stadt mit gut über 100 000 Einwohnern verzeichnet ungefähr die zehnfache Anzahl Besucher.
Sollten Sie also zum Arunachala reisen wollen, verspüren auch Sie einen Ruf – Deepam ist sicher wunderschön, aber vielleicht ist es für Europäer doch besser, sich zunächst zu einer weniger belebten Zeit auf den Weg zu machen.

Es gibt einen inneren Weg durch die Felder und einen entlang der Straße, wobei die Straße außerhalb von Tiruvannamalai allerdings recht ruhig ist. Man kann diesen Weg also unbesorgt gehen.
Um den Berg herum sind acht physische Siva Lingams angeordnet, die zum Darshan besucht werden können, aber es heißt, daß auch es sehr, sehr viele subtile, energetische Siva Lingams unter und entlang der Strecke gibt, welche ihre feinen Energien verströmen.
Die Pilger sollten zum Girivalam saubere Kleider tragen und in meditativer Stimmung sein. Man darf auf dem Weg alle Arten von Wundern erwarten, und man soll ein großzügiges Herz haben – der Bettler am Wegrand könnte eine Inkarnation eines Verwandten sein, oder vielleicht sogar ein verkleideter Gott! Nehmen Sie also viel kleines Geld zum Spenden mit, Sie werden es brauchen, ich kam am ersten Tag praktisch pleite ins Hotel zurück. Sogar meine Kekse für unterwegs haben sich die Kinder geholt.
Es macht auch einen Unterschied, an welchem Wochentag man den heiligen Berg umrundet, jeder Tag steht für eine bestimmte Qualität des Girivalam 

Es gibt sicherlich noch eine Reihe weiterer Vorschriften für die Pilger, und ich habe im Hotel auch gefragt, ob ich wohl in den Tempel gehen müsse, oder bestimmte Rituale durchführen, aber der nette Rezeptionist hat nur gelächelt und den Kopf geschüttelt. „For tourists – not necessary!“
Gut, ich habe das dann als eine Art Absolution für Nicht-Hindus genommen.
Ich war einfach dort in Tiruvannamalai und bin gelaufen, ganz nahe bei meinem Apu, und ich hatte das feste Vertrauen, daß das mehr als genug war, und ich bin ganz sicher, daß ich einen großen Segen empfangen habe. Es heißt, daß das Feuerelement des Hügels auch das schlimmste Karma zu verbrennen vermag, und daß Siva denen, die ihn dort besuchen, alle Wünsche erfüllt.
Und auch, daß es schon eine große Menge gutes Karma erfordert, damit ein Mensch überhaupt an diesen Ort gelangt. Oder ein Bild des Arunachala sieht. Oder überhaupt nur an den Berg denkt!

Ich bin den Girivalam an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gelaufen – einmal für mich, und einmal für meine Tochter. Am zweiten Tag bin ich schon mit Blasen an den Füßen gestartet, aber jede Mutter kann sich sicher vorstellen, daß solche Kleinigkeiten kaum eine Rolle spielen, wenn es um das Wohl des Kindes geht, auch wenn es das weniger greifbare spirituelle Wohl ist.
Zum Glück habe ich aber an diesem Tag in der Frühe noch die wunderbare Toby, eine alleine reisende Psychotherapeutin aus Kalifornien, kennengelernt. Wir sind zusammen gelaufen, haben geredet und erzählt wie das nur unter Frauen passieren kann, wenn man sich gerade kennengelernt hat und sich im nächsten Moment gleich das Herz ausschüttet wie unter besten, alten Freundinnen.
Ich habe bei ihr im Resort auch eine Pause eingelegt. Im Swimmingpool, zum abkühlen und ausruhen. Sie hat meine Füße für den restlichen Weg zu meinem Hotel mit Moleskin, einem sagenhaften Pflaster, welches es offensichtlich nur in den Staaten gibt, versorgt, denn sonst hätte ich diesen zweiten Girivalam wohl nur in der Riksha vollenden können.
Zugegeben, der zweite Girivalam für mein Kind war weniger besinnlich, aber ich vertraue darauf, daß Sivas Segen auch auf ihr liegt.

Freitag, 11. Januar 2013

Arunachala

Der Berg, oder vielleicht besser der Hügel? Arunachala liegt in Tamil Nadu, Südindien, und ist eine uralte Gesteinsformation, ein nur knapp 1000 m hoher erloschener Vulkankegel aus rötlichem Stein. Es ist ein sehr heiliger, sehr mystischer Ort, und es gibt Yogis, welche behaupten, der Arunachala sei der heiligste Platz im gesamten Universum, denn der Gott Siva ist hier Brahma und Vishnu in Form einer Feuersäule erschienen. Der eigentlich viel bekanntere Berg Kailash in Tibet gilt als die Wohnstatt Sivas und seiner Gefährtin Parvati, während der eher versteckte Arunachala aber Siva selber als Feuerlingam ist. Und das Element Feuer wiederum verbindet unsere dichte, physische Realität mit den höheren den Dimensionen der Engel und Götter, es durchdringt die Ebenen. Botschaften an die Götter im Rahmen einer Feuerzeremonie gelten deshalb auch als besonders wirkungsvoll.

Den Arunachala anzuschauen, am besten natürlich persönlich in und um Tiruvannamalai, ersatzweise aber auch auf Bildern, ist dasselbe wie Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Und die Erscheinung eines Gottes gilt als höchste Gnade, als höchster Segen, den ein Mensch überhaupt empfangen kann. Rishi Agastya sagt, daß keine spirituelle Praxis der rituellen Umrundung des Arunachala, des Girivalam, ebenbürtig ist, denn schon ein einziger Girivalam kann das Karma von zehn Millionen früheren Leben auflösen. Auch heißt es, daß Millionen von erleuchteten Siddha-Meistern die höheren Dimensionen um den Arunachala bevölkern, und daß diese Siddhas die Pilger segnen. Sicherlich liegt auch der Segen des Meisters Ramana Maharishi auf dem Ort, der als Jugendlicher zum Arunachala gerufen wurde und fast sein ganzes Leben dort verbrachte. Sein ganzes Wissen, seine ganze Weisheit verdanke er alleine dem Berg, erklärte der Meister.

Die feinen, hohen Energien der Präsenz Sivas und der Siddhas dort sollen auch der Grund dafür sein, daß viele Besucher in Tiruvannamalai nicht schlafen können – aber trotzdem kaum müde sind. Ich kann das bestätigen. Daheim eher dauermüde und geschlaucht, am Fuß des Arunachla aber mit nur wenigen Stunden Schlaf wach, ohne überdreht oder müde zu sein. Nur in der ersten Nacht in Tiruvannamalai habe ich geschlafen wie ein Kind – als ob mich eine liebevolle Präsenz hielte.
Dank an die Schamanen und Ahnenlinien der Q´eros in Peru, deren heilige Einweihungs-Zeremonien mich zu diesem Ort geführt haben!

Im Zeitalter des Internets, welches hier den Segen über die Entfernung vermittelt, verweise ich noch auf eine website, die vom Ramana Maharishi – Ashram in Tiruvannamalai betrieben wird. Eine live-webcam überträgt minütlich aktualisierte Bilder des Arunachala in alle Welt: www.arunachala-live.com

Lord Siva said: “What cannot be acquired without great pains – the true import of Vedanta (Self-Realization) – can be attained by anyone who looks at (this hill) from where it is visible, or even mentally thinks of it from afar.”                    - Arunachala Mahatmyam (Skanda Purana)






Sonntag, 6. Januar 2013

Tiruvannamalai


Von Chennai nach Tiruvannamalai sind´s so um die 150 km Wegstrecke. Es fahren wohl auch ziemlich komfortable Nachtbusse auf der Strecke, aber weil die Entfernung für eine Nachtfahrt doch zu gering war und weil ich auf mehrfaches Nachfragen nach einer Busverbindung im Hotel immer direkt auf Koyambedu, Channais großen Busbahnhof, verwiesen worden bin, hab ich es dann einfach genommen, wie´s kam. Ich hab hab mich in einen der wirklich uralten Busse ohne Türen gesetzt und mich auf die Fünfstundenfahrt nach Tiruvannamalai gemacht, mit dabei meinen großen Trolley. Mit jenseits der 40 Jahre verspürte ich einfach keine Lust mehr, mir als Rucksacktouristin einen abzuschleppen und nur zerknitterte Kleider zu tragen. Man wird offensichtlich anspruchsvoll (oder zickig?) im Lauf der Zeit!

Und warum braucht der Bus für eine doch relativ geringe Entfernung einen guten halben Tag?
Es liegt überhaupt nicht daran, daß an jedem Gartenzaun angehalten wird. Es liegt an den Straßen. Die Straßen mit den tiefen Schlaglöchern und großen Beulen, welche dauernd umfahren werden müssen, erlauben einfach kein schnelleres Vorwärtskommen. In Indien ist eigentlich Linksverkehr, aber generell ist es außerhalb der Städte und weg von den großen autobahnähnlichen Straßen so, daß jeder auf der Seite fährt, wo die Strecke gerade am besten ist. Die Reihenfolge, oder vielleicht auch die Rangfolge?, der Fahrer hat wohl etwas mit PS-Stärke und Fahrzeuggröße zu tun, und ansonsten läuft die Kommunikation über die Hupe.

Mir ist auch aufgefallen, daß manchmal ein ungefähr Parkbucht-großes Stück der Landstraße einfach abgesperrt wurde, weil Bauern dort ihre Gewürze getrocknet haben. Man nimmt es dort mit Geduld, aber stellen Sie sich mal unsere Polizei vor, und auch die anderen Verkehrsteilnehmer, wenn ich mal eben rausfahren würde und mir dort ein Stückchen von der Bundesstraße abgrenze, weil´s auf dem Teer so schön trocken und heiß ist und meine Ware da besser dörrt als daheim im Hof auf der Erde. Da fehlen uns einfach die Worte! Dinge wie diese liegen einfach außerhalb unserer Vorstellungen. Oder wenn mitten auf der Autobahn mal eben das Fahrzeug geparkt wird und Leute pinkeln gehen. Raststätten gibt’s ja nicht, also tut man das naheliegende.

Ich erzähle das alles nicht, weil ich mich westlich überlegen und zivilisiert fühle, sondern weil ich einfach die völlig anderen Denk- und Verhaltensweisen zeigen möchte. Ich habe es mit Staunen genossen. Es hat mir auf eine gewisse Art das Hirn durchlüftet, weil viele Dinge, die im europäischen Denksystem einfach unmöglich sind, dort ganz alltäglich und normal erscheinen. Das sich-einlassen auf das Land hatte insofern etwas von Brainstorming und davon, Denkblockaden einfach wegzuwischen. Viele Dinge sind in Indien unglaublich einfach, während andere Sachen, gerade wenn die betonköpfige Bürokratie ins Spiel kommt, wohl entsetzlich kompliziert sind und nur als reine Tortur bezeichnet werden können. Aber zum Glück ist die Bürokratie dort meist fern!

Man fährt durch wunderschöne Landschaft und quirlige Städte auf dem Weg nach Tiruvannamalai: Um Gingee mit seiner bekannten Festung herum führt der Weg durch eine Hügellandschaft aus rotem Stein, die wirklich Lust machte, darin zu wandern. Ich hab´s mir verkniffen mit meinem Trolley dort auszusteigen!

Als die ersten Schilder Tiruvannamalai anzeigten, kamen mir die Tränen, ohne daß ich wußte warum. Ich bin nicht wirklich hellsichtig, aber da ich habe sehen können, wie ein alter, dunkler Schatten über meinem Herzzentrum weggewischt wurde. Ich habe mit mir gekämpft und gekämpft, denn die Inder wundern sich sowieso schon genug, wenn sich eine Touristin in einem Bus in diese Landstriche verirrt. Da braucht sie nicht auch noch weinen.

Irgendwann hat sich dann der Berg Arunachala in der Ferne abgezeichnet, ich hab ihn gleich erkannt. Mein Berg! Der Grund meiner ganzen Reise! Roter Fels, ein uralter erloschener Vulkan. Menschen, welche die Energien sehen können, sagen, daß er eine ganz lichte Aura um sich hat.
Tiruvannamalai ist die Stadt am Fuß des Berges, für indische Verhältnisse nicht besonders groß mit ca. 130 000 Einwohnern, ein Pilgerort, der zu Vollmondzeiten oder insbesondere zu Deepam, einem großen alljährlichen religiösen Fest zum Jahresende hin, von gläubigen Hindus regelrecht überrannt wird.

Mein Hotel dort war sooo schön, für die verwöhnte Deutsche mit modernem Bad und großem Bett ausgestattet und mit den freundlichsten und hilfsbereitesten Angestellten überhaupt. Ich denke immer noch an diese besonderen Menschen dort, die nicht nur professionell und serviceorientiert waren, sondern denen es wirklich ein Herzensanliegen war, zu helfen und den Aufenthalt dort angenehm und schön zu gestalten. Es war nicht nur ein gutes Hotel mit westlichem Standard, es war dort etwas von wirklicher Gastfreundschaft zu spüren.

Nach meiner Ankunft bin ich gleich in die Stadt, in den Tempel. In Tiruvannamalai befindet sich der Arunachaleswara-Tempel, eine der größten Tempelanlagen Südindiens, ungefähr 10 ha in der Fläche und mit vier großen Gopurams in jede Himmelsrichtung. Hier wird der Gott Siva in seiner Erscheinung als Arunachala verehrt. Ich durfte sogar zum Darshan ins Allerheiligste in den innersten Bereich, dorthin, wo der heilige Siva-Lingam steht und wo die Gläubigen alleine durch den Anblick des Symbols der Gottheit Segen empfangen.

Im Reiseführer steht, daß in Indien Touristen nie in die inneren Bereiche dürfen, und daß es keine Ausnahmen für Nicht-Hindus gibt, egal wie ärgerlich das für die weitgereisten Ausländer auch sein mag. Selbst Auslands-Inder hätten mit Schwierigkeiten zu rechnen.
Ich kann das nicht bestätigen, ich durfte überall rein.
Vielleicht haben sich ja die Vorschriften geändert? Oder vielleicht haben mich die Hindus auch als eine der ihren adoptiert!

Donnerstag, 3. Januar 2013

Palmblatt-Bibliotheken

Haben Sie schon von den faszinierenden Palmblatt-Bibiotheken Südindiens gehört?

Es heißt, daß die Rishis, die Weisen des alten Indiens, die Fähigkeit hatten, die Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu überblicken. Sie konnten sehen, wie eine Seele viele Inkarnationen durchlebte, um schließlich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu kommen, um ihre dort ureigene Geschichte zu erfragen. Diese Geschichte haben die Rishis in klitzekleiner alter tamilischer Schrift in Palmblätter eingraviert, unterteilt in 13 Kapitel, von denen eines sich den Heilmitteln und Ritualen widmet, die zur Erleichterung der karmischen Lasten aus vielen Leben durchgeführt werden sollen.

Während der Kolonialzeit der Briten sind viele dieser Palmblattsammlungen verschwunden oder zerstört worden, es gab jedoch auch indische Familien, die den Wert dieser Nadi-Blätter kannten und sie aufkauften, um sie sorgfältig zu pflegen und für die Zukunft aufzubewahren. Heute können Sie deshalb zu speziell ausgebildeten Nadi-Astrologen gehen um zu sehen, ob Ihr persönliches Blatt existiert. Dies entscheidet sich anhand Ihres Daumenabdruckes und diverser Fragen, auf die Sie immer nur mit „ja“ oder „nein“ antworten müssen.

Ich hab´s probiert, ich war beim Nadi-Astrologen. An einem Tag wurde ich identifiziert, am anderen wurden mir die Kapitel vorgelesen. Dies geschieht in Form eines Gedichtes, und bei mir war ein noch Übersetzer anwesend, weil die alttamilische Sprache nicht eben zu meinen besten Fähigkeiten gehört.
Ob die Lesung und das, was über meine vergangen Leben erzählt wurde, so wirklich original und authentisch ist? Ich möchte das weder behaupten noch bestreiten. Ich bin da etwas skeptisch. Die gute Nachricht ist aber, daß der Astrologe nach der Identifizierung meines Nadis meine Geburtsdaten bekommen hat, um auch damit zu arbeiten und Heilmittel zu finden. Und in diese Arbeit habe ich wirklich Vertrauen.

So kam es also, daß ich drei Tage im Moloch Chennai geblieben bin, bleiben musste!!, während denen ich die indischen Kleidungshäuser nach passenden Salwars durchwühlt habe, mich durch indisch-vegetarische Restaurants futterte um schließlich, mit den Anweisungen für die Heilmittel in der Tasche, nach Tiruvannamalai zum Arunachala weitergereist bin.


Mittwoch, 2. Januar 2013

Astrologie

Welche Kräfte wirken auf einen Menschen zu der besonderen Zeit, wenn er seinen allerersten Atemzug nimmt? Welche Auswirkungen haben diese Kräfte für sein zukünftiges Leben, in welche Bahnen lenken diese dann den Menschen?
Vorausgesetzt es gibt solche Kräfte, woher kommen diese, was ist deren Ursprung? Und ganz wichtig: Wenn diese Kräfte dazu führen, daß der Lebensweg eines Menschen eher einer holprigen Schlaglochpiste durch unwegsames Gelände, gespickt mit mit Abgründen und Hindernissen, gleicht, gibt es dann vielleicht doch noch irgend eine Möglichkeit, von diesem Weg auf eine ebene Bahn mit Rückenwind abzubiegen?

Die Astrologie, die subtile Schwester der Astronomie, geht davon aus, daß die zum Geburtszeitpunkt wirkenden Planetenkräfte den künftigen Lebensweg des Menschen maßgeblich beeinflussen. Wer dies für Unsinn hält, könnte sich vielleicht auch einmal Gedanken darüber machen, daß im Grunde sämtliche altertümlichen Hochkulturen den Lauf der Sterne beobachteten, daß diese zum Teil über erstaunliches astronomisches Wissen verfügten und daß das Wissen über Planetenkonstellationen selbst das (Alltags-)Leben der Menschen beeinflusste. Und der Nutzen und Einfluß dieses Wissens erschöpfte sich nicht nur darin, daß Seeleute den Polarstern als Navigationshilfe in der Nacht nutzten.

Wie können Sterne Kräfte sein, wie können sie Kräfte aussenden?
Vorausgesetzt die moderne Wissenschaft akzeptiert überhaupt die Möglichkeit von Sterneneinflüssen, setzt sie diese gerne mit subtilen Schwerkrafteffekten gleich.
Einen ganz anderen Denkansatz, oder besser, einen ganz anderen mystisch-philosophischen Hintergrund bietet die vedische Astrologie. Hier sind die Planeten machtvolle Wesenheiten mit unterschiedlichsten Charakteren, denen wiederum Planetengöttern übergeordnet sind. Und genauso wenig wie unsere Erde nicht nur ist ein Klumpen Dreck ist, der sinn- und planlos durch´s Weltall rast, sind die anderen Planeten nicht nur tote Anhäufungen von anorganischem Material und giftigen Gasen in für uns Menschen unwirtlichsten Bereichen des Sonnensystems.
Mit diesen Planetenwesen und deren Göttern kann der Mensch Frieden schließen und sie um Nachsicht bitten, das ist die tröstliche Einladung des Jyotish, der indischen Astrologie.

Ich selber habe als Klientin bisher nur zweimal Erfahrungen mit der Astrologie gemacht. Einmal bei der wunderbaren Christa Heidecke, die ich wärmstens empfehlen kann, ebenso wie ihren Blog 2012sternenlichter. Sie war es auch, die mir geraten hat, alle Eindrücke, die auf meine empfindlichen Antennen einprasseln, unbedingt und lebensnotwendigerweise (!!) kreativ auszudrücken. Sie lesen soeben meinen blog, was ja eine Möglichkeit hierfür darstellt.
Und einmal in Chennai, einer Eingebung kurz vor meiner Abreise aus Deutschland folgend. Noch von Deutschland aus vereinbarte ich einen Termin. Das besagte Astrologenteam dort bietet sowohl Nadi readings an, also Beratungen aufgrund einer Lesung der berühmten Palmblatt-Bibliotheken, als auch klassische vedische Astrologie. 
Und die gute Nachricht ist: Um den ungünstigen Einfluss eines Planeten im Geburtshoroskop zu lindern, gibt es spezielle Heilmittel. Das kann beispielsweise ein Mantra, ein Yantra oder ein bestimmter Edelstein sein. Wie ein Yoga-Meister und Jyotish-Astrologe so schön sagte: „You do not need an astrologer to tell you that your life is a mess. You need someone to tell you how to fix it!“ (Sie brauchen keinen Astrologen, der Ihnen sagt, daß Ihr Leben eine Katastrophe ist. Sie brauchen jemanden der Ihnen sagt, wie Sie das in den Griff kriegen können!)
Ja, wirklich, so jemanden konnte ich dringend brauchen. Ich brauchte eine Medizin, die mein Leben heilt.

Und zum Schluß noch für alle Skeptiker:
Jyotish wird in Indien als exakte Wissenschaft anerkannt, so wie bei uns die Physik und die Chemie auch.
Und die Planeten, einschließlich unserer Erde, besitzen ihr jeweils eigenes torusförmiges Magnetfeld. Genau so wie alle anderen Lebewesen auch.

Dienstag, 1. Januar 2013

Chennai

Chennai, das frühere Madras, ist die Hauptstadt des südöstlichsten indischen Bundesstaates Tamil Nadu und ein Moloch mit fast fünf Millionen Einwohnern. Lieben Sie z.B. Kairo, Bangkok oder andere asiatische und afrikanische Großstädte? Wunderbar! Wenn das so ist, dann besuchen Sie doch auch mal Chennai! Die sechstgrößte Stadt des Subkontinents ist hübsch an der Koromandelküste am Golf von Benagalen gelegen, und ein lokales, stetig wachsendes Wirtschaftszentrum. Diverse Fluggesellschaften fliegen teilweise mehrmals täglich von allen großen deutschen Flughäfen, inklusive stop over in Dubai sind Sie auch nur um die 13 Stunden unterwegs.

Wenn Sie es aber auch nur ein klitzekleines bißchen beschaulicher mögen, so wie ich als geborenes Landei etwa, dann sehen Sie besser zu, daß Sie Land gewinnen. Tun Sie sich das nicht an. Auch ohne Zyklonausläufer, Sturm, schweren Regen und überflutete Straßen ist Chennai anstrengend genug. Die Hotels sind verhältnismäßig teuer, die Straßen überfüllt, Kühe sind wie überall in Indien auch hier durchaus mit unterwegs, es ist heiß und staubig oder wahlweise auch feuchtheiß und staubig, an den Abgasgeruch gewöhnt man sich kaum, und bis auf ein paar ruhigere Stunden in der Nacht erwartet Sie das allgegenwärtige indische Hupkonzert.

Positiv und erlebenswert ist, hier geht es weit indischer und damit landestypischer zu als in anderen Großstädten, die sich mehr auf internationale Gäste und Bedürfnisse einstellen. Ich habe in Chennai beispielsweise weder große internationale Drogerien noch H & M oder Chanel gefunden. Chennai kauft lieber bei Pothy´s oder Kumaran ein. Das sind riesige Bekleidungshäuser, die auf mehreren Etagen dafür Sorge tragen, daß Damen, Herren und Kinder zu allen Gelegenheiten traditionell ordentlich indisch eingekleidet sind. Für Damen gibt es Saris und dreiteilige Salwar Kameez aus Hose, Bluse und Schal, sowohl fertig konfektioniert als auch beim hauseigenen Schneider in Extraanfertigung geordert. Wenn Sie sich schon einfacherweise für die „ready mades“ interessieren, rechnen Sie dennoch damit, daß im Grunde jedes Teil ein Einzelstück ist. Fragen wie „Hätten Sie das Teil hier auch eine Nummer größer?“ oder „Gibt´s das auch noch in Blau?“ sind völlig sinnlos, und nicht etwa wegen sprachlicher Probleme. Vergessen Sie´s, so läuft das nicht. Es gibt nicht wie bei uns Modefarben, must-haves und einen Schnitt in allen Größen und mehreren Farben zur Auswahl. Es gibt das, was da ist, und das ist eine ganze Menge, es gibt aber eben auch nur das.

Ich hab mich auch gleich versorgt! Hätte stundenlang wühlen können, und die Verkäufer dort sind auch die reinsten Engel an Geduld und Hilfsbereitschaft. Einen Sari kann ich leider nicht wickeln, man muss es sich ja auch nicht zu schwer machen, aber ein Salwar ist einfach eine wunderschön aufeinander abgestimmte Kombination. Sehr weiblich und schmeichelhaft auch für Figuren, die wir mit unseren strengen westlichen Augen in die B-Riege verweisen. Es ging also rasend schnell, und keiner hätt´s mehr gedacht daß ich eigentlich keine Inderin bin!! Nun ja, bis auf die Sommersprossen, die rötlichen Haare und die sehr helle Haut halt. 

Und vielleicht fragen Sie jetzt noch, ob ich nur wegen des jet lags und zwecks Akklimatisierung und Geschenke shoppen drei ganze Tage in Chennai verbracht habe. Und ich antworte Ihnen dann, nein, Kleider kaufen kann man auch anderswo. 
Der Grund war ein ganz anderer, ich hatte Termine dort.
Wo? 
Beim indischen Astrologen.


Montag, 31. Dezember 2012

Ankunft

Gut ein halbes Jahr nachdem ich den Alto Mesayoq – Ritus empfangen habe, buchte ich den Flug nach Chennai. Ich wollte zunächst abwarten, bis die Monsunzeit zu Ende war, denn der trockenere, relativ kühlen Winter ist die bessere Reisezeit. Aber was heißt kühl in Südindien? 30 °C sind´s immer... Nein, mir macht das nichts aus, ich liebe das warme Wetter, und auch die höhere Luftfeuchtigkeit. Als Frau mit trockener Haut gibt’s nix besseres! Keine Creme, die ich je probiert habe, schafft es wirklich, das Spannungsgefühl nachhaltig wegzukriegen, und keine Haarkur macht schönere Locken als tropisches Klima! Hey, ihr Kosmetikentwickler! Denkt mal drüber nach!
Naja, der Monsun war in diesem Jahr im Grunde ausgefallen, und wenn es nicht so gewesen wäre, wäre ich mit meiner Planung wohl im wahrsten Sinne des Wortes im Regen gestanden. Die Klimatabellen, die im Internet zu finden sind, sollte man besser vergessen. Im Reisebüro kann man auch nicht alles wissen. Aber es heißt ja, daß derjenige, der seinem Ruf folgt, beschützt ist. Auch wenn sich zu der Zeit, als ich im Flugzeug saß, gerade ein Zyklon bereit machte, vom offenen Meer an Land zu gehen. In Chennai und Umgebung wurden die Menschen angewiesen, wegen schwerster zu erwartender Unwetter zu Hause zu bleiben. Ich gebe zu, daß mich das schreckliche Geruckele und Geschaukele des Fliegers über doch Vorzeichen nachdenken ließ...

Anders herum heißt es allerdings auch, daß es sehr unangenehm werden kann, wenn man sich nicht auf den Weg macht. Mit Apus ist nicht zu spaßen, und von andinen Schamanen ist bekannt, daß Apus ihre eigenen, nicht wirklich zartfühlenden Methoden habe, um ihren Auserwählten klar zu machen daß es an der Zeit wäre, sich mal auf die Socken zu machen. Seltsame Dinge passieren dann, bis die Person sich endlich ihrem Schicksal unterwirft. Dazu muss man wissen, daß der Beruf oder die Berufung als Schamane in praktisch allen Kulturen nichts ist, was man sich für ein leichtes, unbeschwertes Leben wünscht. Schamanen haben oft ein hartes Leben, verbringen viel Zeit alleine und übernehmen eine Menge Verantwortung für die ihnen Anvertrauten. Einweihungen geschehen traditionell durch Blitzschläge, am besten dreimalig, andere schwere Krankheiten sind aber auch möglich. Nicht jeder überlebt. Da drückt man sich doch schon mal gerne!

Ich weiß nicht, ob „mein“ Apu zu solch drastischen Methoden gegriffen hätte. Ich glaube, eher nicht. Ich begreife den Ruf eher als eine Art Einladung oder als ein Angebot, endlich nach Hause zu kommen. Auch weiß ich immer noch nicht, ob es bei mir darum geht, letztlich heilerisch tätig zu sein und solche Verantwortung zu übernehmen. Sollte ich gebraucht werden und um Hilfe gebeten, wäre ich bereit, aber diesbezüglich war ich nie gefordert.
Ich habe mich auf den Weg durch das Medizinrad gemacht, weil dies ein Weg der Selbstheilung ist, und weil mein Leben einfach nur die Hölle war. Ich wußte keinen anderen Ausweg mehr und bin vom Leben oder von meiner Seele gezwungen geworden, den falschen Alltag sein zu lassen endlich die Täler zu durchqueren, meine Schatten und Wunden anzusehen und an deren Heilung zu arbeiten. Vielleicht lauern irgendwo immer noch welche und wollen eines Tages freigelassen werden. Und dieser Weg, der Jahre gedauert hat und immer noch nicht zu Ende ist, hat mich zu der Einweihung zum Alto Mesayoq geführt, und diese Einweihung wiederum brachte mich nach Indien.

Ein Leben wie eine Schnitzeljagd – ich kann von meiner jetzigen Position kein Muster, keinen Weg erkennen. Ich gehe von Ort zu Ort, suche Hinweis nach Hinweis, und hoffe und vertraue, daß alles im Nachhinein Sinn machen wird und mich zu einem Ziel führen wird. Phasen der Wut und der Angst, weil dies ein Weg des totalen Kontrollverlustes ist, kann ich versichern...

Sonntag, 30. Dezember 2012

Indien


Was wird nicht alles über dieses Land geschrieben...
Ein „Anschlag auf die Sinne“ sei es, ein „Land der Extreme“, eine „Herausforderung“, und auch, daß man es entweder lieben oder hassen muss, und manchmal auch beides gleichzeitig tut.

Nun ja. Meine Sinne sind sicher nicht unsensibel, lassen sich aber von dieser Seite her nicht veranschlagen. Extreme haben wir in Deutschland ebenso (im Süden Berge, im Norden das Meer, in Indien ist´s halt umgekehrt), es gibt jede Menge sehr Reiche und laut Statistik werden es immer mehr bei einer gleichzeitig steigenden Zahl von Menschen, die die Stromrechnung nicht begleichen können. Und welche Frau könnte ihren Mann nicht manchmal erschlagen?? Andersrum ist das wohl genauso.
Was an diesen einigermaßen hilflosen Etikettierungen für Indien deutlich wird, ist meines Erachtens die Tatsache, daß es sich unseren westlichen, insbesondere unseren deutschen, Definitionen und Maßstäben völlig entzieht. Hermann Hesse hat mal sinngemäß sowas gesagt wie daß Indien für all jene, die einmal mit dem Herzen dort waren, immer ein Heimwehland bleiben wird. Und das ist das Geheimnis – es geht um´s Herz. Es geht um das persönliche. Und damit bildet wohl der gesamte Subkontinent mitsamt seinen Bewohnern einen vollkommenen Gegensatz zu unserer Kultur, zu unserer Lebensart und, diesen Prägungen geschuldet, letztlich sogar zu unseren Persönlichkeiten.

Sollten Sie jemals nach Indien fahren, erlauben Sie mir, Ihnen das folgende mitzugeben: Lassen Sie alles hinter sich und tauchen Sie einfach ein. Vergessen Sie Vorschriften, legen Sie keine Maßstäbe an, urteilen Sie nicht. Gehen Sie einfach hin wie ein Kind, schauen Sie, nehmen Sie auf, nehmen Sie hin, und haben Sie Zeit. Ich verspreche, dann werden Sie eine wundervolle Zeit erleben, mit Menschen, die Anteil nehmen, die auf respektvolle Weise persönliches Interesse an Ihnen zeigen, die hilfsbereit sind ohne aufdringlich oder arrogant zu sein, die neidlos ihren relativen westlichen Reichtum anerkennen, die Ihnen nahe kommen ohne die Grenzen zu überschreiten. Lassen Sie sich auf allgegenwärtige und öffentlich gelebte Religiosität ein, auf jahrtausende alte Kultur, auf heilige Plätze mit ganz besonderen, selbst für Westler spürbaren, Energien und Atmosphären, und freuen Sie sich an wunderschöner Landschaft.

Lassen Sie sich durch dieses Land tragen – ich hab´s probiert, es geht wirklich.



Der Berg ruft...


Berge rufen?? Und wenn ja, macht das nur das Matterhorn im entsprechenden Film? Verhalten sich denn auch noch andere so? Schallen die Rufe der Berge quer durch die Welt? Oder geht’s hier etwa doch um die alljährliche Erlanger Bergkirchweih zu Pfingsten, die unter dem selbem Motto steht?

Meiner Erfahrung nach kann ich sagen... Ja, Berge können tatsächlich rufen. Mich hat mal einer gerufen. Es war nach einer Einweihung, nach dem Alto Mesayoq – Ritus. Und schon muss ich abschweifen, ausholen: Ein Alto Mesayoq ist ein Schamane Perus, ein Q´ero-Schamane, der besonders mit den Geistern der Berge verbunden ist. Die Q´ eros wiederum, um vom abschweifen abzuschweifen, sind ein Stamm Indigener, die von sich sagen, die direkten  Nachfahren der Inka zu sein. Für sehr lange Zeit und seit der Eroberung durch die Spanier sind sie in die unwirtlichen Höhen der Anden geflüchtet um dort zu  überleben. Ihre Kultur und Tradition gilt als sehr rein und unbeeinflusst. Erst in den 50er Jahren kamen sie aus ihrer Abgeschiedenheit zurück und zeigten sich der Welt.

Also, nochmal: Ich empfange die Alto Mesayoq – Einweihung, der Same wird gelegt, und wer berufen ist oder eine Verbindung zu den Bergwesen, den Apus, hat, wird einen Ruf hören. Ich konnte es kaum fassen, was ich da bei meinem schamanischen Seminar hörte. Das ging sogar mir ein bißchen zu weit. Was sollte das sein, der Ruf eines Apu? Vielleicht eine Traumerscheinung? Man versicherte mir aber, mitten in Deutschland und aus seriösem Munde, daß wenn ich überhaupt gerufen würde, die Sache eindeutig und klar sei. Wie auch immer der Ruf dann aussehen würde.
Nachdem ich nochmal drüber nachgedacht habe kam ich zu dem Schluß, daß ich, wenn ich denn gerufen würde, die Sache wohl eh´nicht verstehen würde, oder aber, was noch viel wahrscheinlicher sei, ich gar nicht berufen sein würde. Wie auch. Bei dem ganzen Training, durch das ich mich zwei Jahre gequält habe (ich betone: gequält!), weil ich nämlich am Ende war mit burn out, Depressionen, Schlaflosigkeit, latenten Suizidgedanken, ohne Perspektiven, dafür mit entsetzlichen Gedankenkarussellen, der ganzen Packung also, war ich nie das schamanische Licht... Eher so der Depp... Völlig deplatziert als nüchterner Mensch unter feinfühligen Profi-Esoterikern (man verzeihe die Spitze, es waren auch wunderbare Menschen dort, zwei meiner jetzt allerbesten Freunde, und ich bin froh, die beiden zu kennen)... Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte, und ich erzähle sie vielleicht später.

Als ich an einem Sonntag Abend jedenfalls, am Tag nach der besagten Einweihung, zum Flughafen fuhr um meine Tochter abzuholen, wie immer in irgendwelchen unsinnigen Alltagsgedanken versunken, hörte ich laut und deutlich in meinem Kopf das Wort „Arunachala!!“ klingen. Hoppla, wie der Franke sagt. War das ein Ruf?? Ich wusste, der Arunachala ist ein Berg. In Indien, irgendwo im Süden. Hab ich schon mal gehört. Einmal im Jahr werden dort rituell Feuer angezündet. Und das war dann im Grunde schon alles.
Daheim, nach einer Internet-Recherche wusste ich: Dieser Berg ist bekannt für sowas. Den hochverehrten Ramana Maharishi hat er auch gerufen, und nie wieder losgelassen, aber ansonsten waren und sind da noch viele andere, bekannte und unbekannte Pilger, die ihm zuströmen, weil er sie zu sich zieht. Und auch den Apu des Berges kennt man: Es ist der Gott Siva selber. Der, der mich immer so berührt hat, in Bildern und Darstellungen, in Geschichten über ihn, und auch durch die Bhajans, die hingebungsvollen religiösen Gesänge, welche mich zu Tränen rühren können. Nehmen wir zum Beispiel den wundervollen Rudrastakam, von Swami Tulsidas vor vielen Jahrhunderten komponiert, und gesungen vom verehrten Ramesh Bhai Oza. Sehe ich mir noch eine gute Übersetzung des Textes aus dem Sanskrit an - schon ist es passiert.

Und am anderen Morgen, als ich mich wieder im Internet eingeloggt habe, um wie alle Tage in der Frühe die Morgenzeitung online zu lesen, war ein Lesezeichen zur live webcam mit minütlich aktualisierten Bildern des Arunachala in meiner Symbolleiste abgelegt. Mitten drin, zwischen den links zur e-mail, zu meinen bevorzugten Zeitungen und Blogs. Ich schwör´s. Ich war mir keine Sekunde bewusst, das Lesezeichen gesetzt zu haben.