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Montag, 14. Januar 2013

Girivalam

Der Girivalam ist die rituelle Umrundung des heiligen Berges Arunachala im Uhrzeigersinn (Giri = Hügel, Valam = Umrundung); Giripradakshina hat dieselbe Bedeutung.

Im Jahr 2011 sind über 8 Millionen Besucher nach Tiruvannamalai gekommen, davon waren sicherlich die meisten Pilger welche sich aufmachten, die knapp 14 km lange Strecke zu gehen - oder auch zu fahren. Auch die Fußkranken und die Gebrechlichen müssen nicht verzweifeln, der Girivalam ist auch mit dem Auto, Taxi, Bus, Riksha oder Fahrrad erlaubt!
Besonders zu Vollmond strömen die Gläubigen in die Stadt, und natürlich zu Deepam im Tamil-Monat Karttigai (nach unserem Kalender ein Tag Ende November / Anfang Dezember).
An diesem größten aller religiösen Festivals im Ort steht der Mond in Konjunktion mit dem Sternenhaufen der Plejaden, riesige Ghee-Feuer werden dann auf dem Berggipfel entzündet und Tiruvannamalai wird von Wallfahrern regelrecht überrannt. Die Stadt mit gut über 100 000 Einwohnern verzeichnet ungefähr die zehnfache Anzahl Besucher.
Sollten Sie also zum Arunachala reisen wollen, verspüren auch Sie einen Ruf – Deepam ist sicher wunderschön, aber vielleicht ist es für Europäer doch besser, sich zunächst zu einer weniger belebten Zeit auf den Weg zu machen.

Es gibt einen inneren Weg durch die Felder und einen entlang der Straße, wobei die Straße außerhalb von Tiruvannamalai allerdings recht ruhig ist. Man kann diesen Weg also unbesorgt gehen.
Um den Berg herum sind acht physische Siva Lingams angeordnet, die zum Darshan besucht werden können, aber es heißt, daß auch es sehr, sehr viele subtile, energetische Siva Lingams unter und entlang der Strecke gibt, welche ihre feinen Energien verströmen.
Die Pilger sollten zum Girivalam saubere Kleider tragen und in meditativer Stimmung sein. Man darf auf dem Weg alle Arten von Wundern erwarten, und man soll ein großzügiges Herz haben – der Bettler am Wegrand könnte eine Inkarnation eines Verwandten sein, oder vielleicht sogar ein verkleideter Gott! Nehmen Sie also viel kleines Geld zum Spenden mit, Sie werden es brauchen, ich kam am ersten Tag praktisch pleite ins Hotel zurück. Sogar meine Kekse für unterwegs haben sich die Kinder geholt.
Es macht auch einen Unterschied, an welchem Wochentag man den heiligen Berg umrundet, jeder Tag steht für eine bestimmte Qualität des Girivalam 

Es gibt sicherlich noch eine Reihe weiterer Vorschriften für die Pilger, und ich habe im Hotel auch gefragt, ob ich wohl in den Tempel gehen müsse, oder bestimmte Rituale durchführen, aber der nette Rezeptionist hat nur gelächelt und den Kopf geschüttelt. „For tourists – not necessary!“
Gut, ich habe das dann als eine Art Absolution für Nicht-Hindus genommen.
Ich war einfach dort in Tiruvannamalai und bin gelaufen, ganz nahe bei meinem Apu, und ich hatte das feste Vertrauen, daß das mehr als genug war, und ich bin ganz sicher, daß ich einen großen Segen empfangen habe. Es heißt, daß das Feuerelement des Hügels auch das schlimmste Karma zu verbrennen vermag, und daß Siva denen, die ihn dort besuchen, alle Wünsche erfüllt.
Und auch, daß es schon eine große Menge gutes Karma erfordert, damit ein Mensch überhaupt an diesen Ort gelangt. Oder ein Bild des Arunachala sieht. Oder überhaupt nur an den Berg denkt!

Ich bin den Girivalam an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gelaufen – einmal für mich, und einmal für meine Tochter. Am zweiten Tag bin ich schon mit Blasen an den Füßen gestartet, aber jede Mutter kann sich sicher vorstellen, daß solche Kleinigkeiten kaum eine Rolle spielen, wenn es um das Wohl des Kindes geht, auch wenn es das weniger greifbare spirituelle Wohl ist.
Zum Glück habe ich aber an diesem Tag in der Frühe noch die wunderbare Toby, eine alleine reisende Psychotherapeutin aus Kalifornien, kennengelernt. Wir sind zusammen gelaufen, haben geredet und erzählt wie das nur unter Frauen passieren kann, wenn man sich gerade kennengelernt hat und sich im nächsten Moment gleich das Herz ausschüttet wie unter besten, alten Freundinnen.
Ich habe bei ihr im Resort auch eine Pause eingelegt. Im Swimmingpool, zum abkühlen und ausruhen. Sie hat meine Füße für den restlichen Weg zu meinem Hotel mit Moleskin, einem sagenhaften Pflaster, welches es offensichtlich nur in den Staaten gibt, versorgt, denn sonst hätte ich diesen zweiten Girivalam wohl nur in der Riksha vollenden können.
Zugegeben, der zweite Girivalam für mein Kind war weniger besinnlich, aber ich vertraue darauf, daß Sivas Segen auch auf ihr liegt.

Freitag, 11. Januar 2013

Arunachala

Der Berg, oder vielleicht besser der Hügel? Arunachala liegt in Tamil Nadu, Südindien, und ist eine uralte Gesteinsformation, ein nur knapp 1000 m hoher erloschener Vulkankegel aus rötlichem Stein. Es ist ein sehr heiliger, sehr mystischer Ort, und es gibt Yogis, welche behaupten, der Arunachala sei der heiligste Platz im gesamten Universum, denn der Gott Siva ist hier Brahma und Vishnu in Form einer Feuersäule erschienen. Der eigentlich viel bekanntere Berg Kailash in Tibet gilt als die Wohnstatt Sivas und seiner Gefährtin Parvati, während der eher versteckte Arunachala aber Siva selber als Feuerlingam ist. Und das Element Feuer wiederum verbindet unsere dichte, physische Realität mit den höheren den Dimensionen der Engel und Götter, es durchdringt die Ebenen. Botschaften an die Götter im Rahmen einer Feuerzeremonie gelten deshalb auch als besonders wirkungsvoll.

Den Arunachala anzuschauen, am besten natürlich persönlich in und um Tiruvannamalai, ersatzweise aber auch auf Bildern, ist dasselbe wie Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Und die Erscheinung eines Gottes gilt als höchste Gnade, als höchster Segen, den ein Mensch überhaupt empfangen kann. Rishi Agastya sagt, daß keine spirituelle Praxis der rituellen Umrundung des Arunachala, des Girivalam, ebenbürtig ist, denn schon ein einziger Girivalam kann das Karma von zehn Millionen früheren Leben auflösen. Auch heißt es, daß Millionen von erleuchteten Siddha-Meistern die höheren Dimensionen um den Arunachala bevölkern, und daß diese Siddhas die Pilger segnen. Sicherlich liegt auch der Segen des Meisters Ramana Maharishi auf dem Ort, der als Jugendlicher zum Arunachala gerufen wurde und fast sein ganzes Leben dort verbrachte. Sein ganzes Wissen, seine ganze Weisheit verdanke er alleine dem Berg, erklärte der Meister.

Die feinen, hohen Energien der Präsenz Sivas und der Siddhas dort sollen auch der Grund dafür sein, daß viele Besucher in Tiruvannamalai nicht schlafen können – aber trotzdem kaum müde sind. Ich kann das bestätigen. Daheim eher dauermüde und geschlaucht, am Fuß des Arunachla aber mit nur wenigen Stunden Schlaf wach, ohne überdreht oder müde zu sein. Nur in der ersten Nacht in Tiruvannamalai habe ich geschlafen wie ein Kind – als ob mich eine liebevolle Präsenz hielte.
Dank an die Schamanen und Ahnenlinien der Q´eros in Peru, deren heilige Einweihungs-Zeremonien mich zu diesem Ort geführt haben!

Im Zeitalter des Internets, welches hier den Segen über die Entfernung vermittelt, verweise ich noch auf eine website, die vom Ramana Maharishi – Ashram in Tiruvannamalai betrieben wird. Eine live-webcam überträgt minütlich aktualisierte Bilder des Arunachala in alle Welt: www.arunachala-live.com

Lord Siva said: “What cannot be acquired without great pains – the true import of Vedanta (Self-Realization) – can be attained by anyone who looks at (this hill) from where it is visible, or even mentally thinks of it from afar.”                    - Arunachala Mahatmyam (Skanda Purana)






Sonntag, 6. Januar 2013

Tiruvannamalai


Von Chennai nach Tiruvannamalai sind´s so um die 150 km Wegstrecke. Es fahren wohl auch ziemlich komfortable Nachtbusse auf der Strecke, aber weil die Entfernung für eine Nachtfahrt doch zu gering war und weil ich auf mehrfaches Nachfragen nach einer Busverbindung im Hotel immer direkt auf Koyambedu, Channais großen Busbahnhof, verwiesen worden bin, hab ich es dann einfach genommen, wie´s kam. Ich hab hab mich in einen der wirklich uralten Busse ohne Türen gesetzt und mich auf die Fünfstundenfahrt nach Tiruvannamalai gemacht, mit dabei meinen großen Trolley. Mit jenseits der 40 Jahre verspürte ich einfach keine Lust mehr, mir als Rucksacktouristin einen abzuschleppen und nur zerknitterte Kleider zu tragen. Man wird offensichtlich anspruchsvoll (oder zickig?) im Lauf der Zeit!

Und warum braucht der Bus für eine doch relativ geringe Entfernung einen guten halben Tag?
Es liegt überhaupt nicht daran, daß an jedem Gartenzaun angehalten wird. Es liegt an den Straßen. Die Straßen mit den tiefen Schlaglöchern und großen Beulen, welche dauernd umfahren werden müssen, erlauben einfach kein schnelleres Vorwärtskommen. In Indien ist eigentlich Linksverkehr, aber generell ist es außerhalb der Städte und weg von den großen autobahnähnlichen Straßen so, daß jeder auf der Seite fährt, wo die Strecke gerade am besten ist. Die Reihenfolge, oder vielleicht auch die Rangfolge?, der Fahrer hat wohl etwas mit PS-Stärke und Fahrzeuggröße zu tun, und ansonsten läuft die Kommunikation über die Hupe.

Mir ist auch aufgefallen, daß manchmal ein ungefähr Parkbucht-großes Stück der Landstraße einfach abgesperrt wurde, weil Bauern dort ihre Gewürze getrocknet haben. Man nimmt es dort mit Geduld, aber stellen Sie sich mal unsere Polizei vor, und auch die anderen Verkehrsteilnehmer, wenn ich mal eben rausfahren würde und mir dort ein Stückchen von der Bundesstraße abgrenze, weil´s auf dem Teer so schön trocken und heiß ist und meine Ware da besser dörrt als daheim im Hof auf der Erde. Da fehlen uns einfach die Worte! Dinge wie diese liegen einfach außerhalb unserer Vorstellungen. Oder wenn mitten auf der Autobahn mal eben das Fahrzeug geparkt wird und Leute pinkeln gehen. Raststätten gibt’s ja nicht, also tut man das naheliegende.

Ich erzähle das alles nicht, weil ich mich westlich überlegen und zivilisiert fühle, sondern weil ich einfach die völlig anderen Denk- und Verhaltensweisen zeigen möchte. Ich habe es mit Staunen genossen. Es hat mir auf eine gewisse Art das Hirn durchlüftet, weil viele Dinge, die im europäischen Denksystem einfach unmöglich sind, dort ganz alltäglich und normal erscheinen. Das sich-einlassen auf das Land hatte insofern etwas von Brainstorming und davon, Denkblockaden einfach wegzuwischen. Viele Dinge sind in Indien unglaublich einfach, während andere Sachen, gerade wenn die betonköpfige Bürokratie ins Spiel kommt, wohl entsetzlich kompliziert sind und nur als reine Tortur bezeichnet werden können. Aber zum Glück ist die Bürokratie dort meist fern!

Man fährt durch wunderschöne Landschaft und quirlige Städte auf dem Weg nach Tiruvannamalai: Um Gingee mit seiner bekannten Festung herum führt der Weg durch eine Hügellandschaft aus rotem Stein, die wirklich Lust machte, darin zu wandern. Ich hab´s mir verkniffen mit meinem Trolley dort auszusteigen!

Als die ersten Schilder Tiruvannamalai anzeigten, kamen mir die Tränen, ohne daß ich wußte warum. Ich bin nicht wirklich hellsichtig, aber da ich habe sehen können, wie ein alter, dunkler Schatten über meinem Herzzentrum weggewischt wurde. Ich habe mit mir gekämpft und gekämpft, denn die Inder wundern sich sowieso schon genug, wenn sich eine Touristin in einem Bus in diese Landstriche verirrt. Da braucht sie nicht auch noch weinen.

Irgendwann hat sich dann der Berg Arunachala in der Ferne abgezeichnet, ich hab ihn gleich erkannt. Mein Berg! Der Grund meiner ganzen Reise! Roter Fels, ein uralter erloschener Vulkan. Menschen, welche die Energien sehen können, sagen, daß er eine ganz lichte Aura um sich hat.
Tiruvannamalai ist die Stadt am Fuß des Berges, für indische Verhältnisse nicht besonders groß mit ca. 130 000 Einwohnern, ein Pilgerort, der zu Vollmondzeiten oder insbesondere zu Deepam, einem großen alljährlichen religiösen Fest zum Jahresende hin, von gläubigen Hindus regelrecht überrannt wird.

Mein Hotel dort war sooo schön, für die verwöhnte Deutsche mit modernem Bad und großem Bett ausgestattet und mit den freundlichsten und hilfsbereitesten Angestellten überhaupt. Ich denke immer noch an diese besonderen Menschen dort, die nicht nur professionell und serviceorientiert waren, sondern denen es wirklich ein Herzensanliegen war, zu helfen und den Aufenthalt dort angenehm und schön zu gestalten. Es war nicht nur ein gutes Hotel mit westlichem Standard, es war dort etwas von wirklicher Gastfreundschaft zu spüren.

Nach meiner Ankunft bin ich gleich in die Stadt, in den Tempel. In Tiruvannamalai befindet sich der Arunachaleswara-Tempel, eine der größten Tempelanlagen Südindiens, ungefähr 10 ha in der Fläche und mit vier großen Gopurams in jede Himmelsrichtung. Hier wird der Gott Siva in seiner Erscheinung als Arunachala verehrt. Ich durfte sogar zum Darshan ins Allerheiligste in den innersten Bereich, dorthin, wo der heilige Siva-Lingam steht und wo die Gläubigen alleine durch den Anblick des Symbols der Gottheit Segen empfangen.

Im Reiseführer steht, daß in Indien Touristen nie in die inneren Bereiche dürfen, und daß es keine Ausnahmen für Nicht-Hindus gibt, egal wie ärgerlich das für die weitgereisten Ausländer auch sein mag. Selbst Auslands-Inder hätten mit Schwierigkeiten zu rechnen.
Ich kann das nicht bestätigen, ich durfte überall rein.
Vielleicht haben sich ja die Vorschriften geändert? Oder vielleicht haben mich die Hindus auch als eine der ihren adoptiert!

Montag, 31. Dezember 2012

Ankunft

Gut ein halbes Jahr nachdem ich den Alto Mesayoq – Ritus empfangen habe, buchte ich den Flug nach Chennai. Ich wollte zunächst abwarten, bis die Monsunzeit zu Ende war, denn der trockenere, relativ kühlen Winter ist die bessere Reisezeit. Aber was heißt kühl in Südindien? 30 °C sind´s immer... Nein, mir macht das nichts aus, ich liebe das warme Wetter, und auch die höhere Luftfeuchtigkeit. Als Frau mit trockener Haut gibt’s nix besseres! Keine Creme, die ich je probiert habe, schafft es wirklich, das Spannungsgefühl nachhaltig wegzukriegen, und keine Haarkur macht schönere Locken als tropisches Klima! Hey, ihr Kosmetikentwickler! Denkt mal drüber nach!
Naja, der Monsun war in diesem Jahr im Grunde ausgefallen, und wenn es nicht so gewesen wäre, wäre ich mit meiner Planung wohl im wahrsten Sinne des Wortes im Regen gestanden. Die Klimatabellen, die im Internet zu finden sind, sollte man besser vergessen. Im Reisebüro kann man auch nicht alles wissen. Aber es heißt ja, daß derjenige, der seinem Ruf folgt, beschützt ist. Auch wenn sich zu der Zeit, als ich im Flugzeug saß, gerade ein Zyklon bereit machte, vom offenen Meer an Land zu gehen. In Chennai und Umgebung wurden die Menschen angewiesen, wegen schwerster zu erwartender Unwetter zu Hause zu bleiben. Ich gebe zu, daß mich das schreckliche Geruckele und Geschaukele des Fliegers über doch Vorzeichen nachdenken ließ...

Anders herum heißt es allerdings auch, daß es sehr unangenehm werden kann, wenn man sich nicht auf den Weg macht. Mit Apus ist nicht zu spaßen, und von andinen Schamanen ist bekannt, daß Apus ihre eigenen, nicht wirklich zartfühlenden Methoden habe, um ihren Auserwählten klar zu machen daß es an der Zeit wäre, sich mal auf die Socken zu machen. Seltsame Dinge passieren dann, bis die Person sich endlich ihrem Schicksal unterwirft. Dazu muss man wissen, daß der Beruf oder die Berufung als Schamane in praktisch allen Kulturen nichts ist, was man sich für ein leichtes, unbeschwertes Leben wünscht. Schamanen haben oft ein hartes Leben, verbringen viel Zeit alleine und übernehmen eine Menge Verantwortung für die ihnen Anvertrauten. Einweihungen geschehen traditionell durch Blitzschläge, am besten dreimalig, andere schwere Krankheiten sind aber auch möglich. Nicht jeder überlebt. Da drückt man sich doch schon mal gerne!

Ich weiß nicht, ob „mein“ Apu zu solch drastischen Methoden gegriffen hätte. Ich glaube, eher nicht. Ich begreife den Ruf eher als eine Art Einladung oder als ein Angebot, endlich nach Hause zu kommen. Auch weiß ich immer noch nicht, ob es bei mir darum geht, letztlich heilerisch tätig zu sein und solche Verantwortung zu übernehmen. Sollte ich gebraucht werden und um Hilfe gebeten, wäre ich bereit, aber diesbezüglich war ich nie gefordert.
Ich habe mich auf den Weg durch das Medizinrad gemacht, weil dies ein Weg der Selbstheilung ist, und weil mein Leben einfach nur die Hölle war. Ich wußte keinen anderen Ausweg mehr und bin vom Leben oder von meiner Seele gezwungen geworden, den falschen Alltag sein zu lassen endlich die Täler zu durchqueren, meine Schatten und Wunden anzusehen und an deren Heilung zu arbeiten. Vielleicht lauern irgendwo immer noch welche und wollen eines Tages freigelassen werden. Und dieser Weg, der Jahre gedauert hat und immer noch nicht zu Ende ist, hat mich zu der Einweihung zum Alto Mesayoq geführt, und diese Einweihung wiederum brachte mich nach Indien.

Ein Leben wie eine Schnitzeljagd – ich kann von meiner jetzigen Position kein Muster, keinen Weg erkennen. Ich gehe von Ort zu Ort, suche Hinweis nach Hinweis, und hoffe und vertraue, daß alles im Nachhinein Sinn machen wird und mich zu einem Ziel führen wird. Phasen der Wut und der Angst, weil dies ein Weg des totalen Kontrollverlustes ist, kann ich versichern...

Sonntag, 30. Dezember 2012

Indien


Was wird nicht alles über dieses Land geschrieben...
Ein „Anschlag auf die Sinne“ sei es, ein „Land der Extreme“, eine „Herausforderung“, und auch, daß man es entweder lieben oder hassen muss, und manchmal auch beides gleichzeitig tut.

Nun ja. Meine Sinne sind sicher nicht unsensibel, lassen sich aber von dieser Seite her nicht veranschlagen. Extreme haben wir in Deutschland ebenso (im Süden Berge, im Norden das Meer, in Indien ist´s halt umgekehrt), es gibt jede Menge sehr Reiche und laut Statistik werden es immer mehr bei einer gleichzeitig steigenden Zahl von Menschen, die die Stromrechnung nicht begleichen können. Und welche Frau könnte ihren Mann nicht manchmal erschlagen?? Andersrum ist das wohl genauso.
Was an diesen einigermaßen hilflosen Etikettierungen für Indien deutlich wird, ist meines Erachtens die Tatsache, daß es sich unseren westlichen, insbesondere unseren deutschen, Definitionen und Maßstäben völlig entzieht. Hermann Hesse hat mal sinngemäß sowas gesagt wie daß Indien für all jene, die einmal mit dem Herzen dort waren, immer ein Heimwehland bleiben wird. Und das ist das Geheimnis – es geht um´s Herz. Es geht um das persönliche. Und damit bildet wohl der gesamte Subkontinent mitsamt seinen Bewohnern einen vollkommenen Gegensatz zu unserer Kultur, zu unserer Lebensart und, diesen Prägungen geschuldet, letztlich sogar zu unseren Persönlichkeiten.

Sollten Sie jemals nach Indien fahren, erlauben Sie mir, Ihnen das folgende mitzugeben: Lassen Sie alles hinter sich und tauchen Sie einfach ein. Vergessen Sie Vorschriften, legen Sie keine Maßstäbe an, urteilen Sie nicht. Gehen Sie einfach hin wie ein Kind, schauen Sie, nehmen Sie auf, nehmen Sie hin, und haben Sie Zeit. Ich verspreche, dann werden Sie eine wundervolle Zeit erleben, mit Menschen, die Anteil nehmen, die auf respektvolle Weise persönliches Interesse an Ihnen zeigen, die hilfsbereit sind ohne aufdringlich oder arrogant zu sein, die neidlos ihren relativen westlichen Reichtum anerkennen, die Ihnen nahe kommen ohne die Grenzen zu überschreiten. Lassen Sie sich auf allgegenwärtige und öffentlich gelebte Religiosität ein, auf jahrtausende alte Kultur, auf heilige Plätze mit ganz besonderen, selbst für Westler spürbaren, Energien und Atmosphären, und freuen Sie sich an wunderschöner Landschaft.

Lassen Sie sich durch dieses Land tragen – ich hab´s probiert, es geht wirklich.