Sonntag, 17. Februar 2013

Wieder in Tiruvannamalai

Nach meinem Ausflug nach Kumbakonam, ich nenne es mal Tempel-Rallye, zog es mich wieder zurück nach Tiruvannamalai. Alles, was ich in Indien erledigen wollte, war jetzt geschafft. Ich war beim Nadi-Reading in Chennai gewesen, ich bin zweimal den Girivalam gelaufen und hatte alle vom Astrologen empfohlenen Orte besucht, die Gottheiten geehrt und meine Gaben und Gebete dort gelassen.

Alles, was ich jetzt noch wollte, war Zeit in der wunderbaren Atmosphäre des Berges verbringen.
Toby, meine amerikanische Bekanntschaft von meinem zweiten Girivalam, ist ein geborenes Organisationstalent und eine wunderbare Frau, und wir hatten beschlossen, uns für die verbleibende Zeit in Tiruvannamalai ein Zimmer im einzigen örtlichen Resort zu teilen. Wir wollten es uns gut gehen lassen, also den Room Service beanspruchen, im Pool planschen, uns den Rücken auf ayurvedische Art massieren lassen und ein bisschen die Traveller-Cafes im Ort besuchen, bevor ich wieder nach Hause fliegen musste und sie weiter reiste zu einem buddhistischen Training in Nepal.

Während Toby in der Regel im Morgengrauen aufstand und unglaublich diszipliniert buddhistische Rituale praktizierte, dabei akribisch eine Liste mit der Anzahl der bereits gesprochenen Gebete und Mantren und Verbeugungen führte, blieb ich einfach faul im Bett liegen, genoß später das leckere indische Frühstück, welches in daheim in Deutschland so sehr vermissen würde, las ein bisschen und schaute den Berg an. Manchmal unternahmen wir am Nachmittag etwas zusammen, beispielsweise uns in traditionelle indische Salwar Kameez einzukleiden oder eine Kleinigkeit im Shanti Cafe zu essen, manchmal redeten wir nur einfach und machten weiter – nichts.
Dolce far niente.

Einmal unternahmen wir den Versuch, ein Stück den Berg zu besteigen, um die Meditationshöhlen Ramana Maharishis und die Wasserfälle zu besuchen. Ich wollte noch als Zeichen meiner Dankbarkeit und Verehrung ein Ritual an die Wesenheit des Arunachala durchführen. In der schamanischen Tradition, die mich an diesen Ort geführt hatte, nennt man eine solche rituelle Gabe aus den verschiedensten Dingen, die die Natur uns schenkt, ein „Despacho“.
Für das Despacho hatte ich im Ort eine Auswahl an Hülsenfrüchten, Gewürzen und Nüssen gekauft, die hübsch arrangiert und mit unseren guten Wünschen und unserem Atem als persönlichster Gabe dem Platz geschenkt werden sollten. Ein solches Ritual ist immer ein besonderes Erlebnis, man kommt in einen richtigen flow des Gebens und Nehmens und es entsteht eine sehr schöne Energie dabei. Der Ort, den wir für das Despacho auserkoren hatten, lag etwa auf halber Höhe und bot einen großartigen Blick auf Tiruvannamalai mit seinem riesigen Tempelareal.

Die Nachricht, daß zwei Touristinnen mit einer Tasche voll Essbarem auf einem kleinen Felsplateau saßen, muss sich in der Affenwelt rasend schnell verbreitet haben. Kaum hatten wir begonnen die ersten Gaben auszulegen, waren wir von einer ganzen Herde der Tiere umringt, die sich frech ihre Lieblingsleckerbissen herauspickten, und alles, was nicht so schmeckte, den Abhang hinunter fegten.

Ich gehe jetzt mal davon aus, daß der Apu bereits unseren guten Willen als Ergebnis akzeptiert hat, und so sind wir eben wieder bergab marschiert, ich für mich mit dem Vorsatz, daheim in Deutschland an einem ruhigeren Platz ein weiteres Despacho zu machen. Unsere einheimischen Tiere sind ja in solchen Dingen glücklicherweise etwas weniger vorwitzig. Da die Wesenheit des Arunachala, Lord Siva selber, ja auch als Affengeneral Hanuman inkarniert ist, war diese kleine Party unter Verwandten vielleicht ein Ausdruck seines Humors und seiner Liebe zu allen Wesen.

Die wunderbare überirdische, lichte, freudige und liebevolle Energie des Berges durfte ich eines nachts spüren, als ich wach wurde und die göttliche Präsenz viel intensiver spüren konnte als sonst. Es ist in dürren Worten kaum beschreibbar, und ich bin leider keine mystische Dichterin, die dieses Erlebnis in ausdrucksvollen, hymnischen Bildern erzählen kann. Nur so viel: Ich lag in meinem Bett und die Tränen der Rührung flossen in Strömen, und sie tun es noch jetzt, wenn ich nur davon schreibe oder daran denke. Es war die Berührung der Gottheit selber.

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