Nach meinem Ausflug nach Kumbakonam, ich nenne es mal Tempel-Rallye,
zog es mich wieder zurück nach Tiruvannamalai. Alles, was ich in Indien
erledigen wollte, war jetzt geschafft. Ich war beim Nadi-Reading in
Chennai gewesen, ich bin zweimal den Girivalam gelaufen und hatte alle
vom Astrologen empfohlenen Orte besucht, die Gottheiten geehrt und meine
Gaben und Gebete dort gelassen.
Alles, was ich jetzt noch wollte, war Zeit in der wunderbaren Atmosphäre des Berges verbringen.
Toby, meine amerikanische Bekanntschaft von meinem zweiten
Girivalam, ist ein geborenes Organisationstalent und eine wunderbare
Frau, und wir hatten beschlossen, uns für die verbleibende Zeit in
Tiruvannamalai ein Zimmer im einzigen örtlichen Resort zu teilen. Wir
wollten es uns gut gehen lassen, also den Room Service beanspruchen, im
Pool planschen, uns den Rücken auf ayurvedische Art massieren lassen und
ein bisschen die Traveller-Cafes im Ort besuchen, bevor ich wieder nach
Hause fliegen musste und sie weiter reiste zu einem buddhistischen
Training in Nepal.
Während Toby in der Regel im Morgengrauen aufstand und unglaublich
diszipliniert buddhistische Rituale praktizierte, dabei akribisch eine
Liste mit der Anzahl der bereits gesprochenen Gebete und Mantren und
Verbeugungen führte, blieb ich einfach faul im Bett liegen, genoß später das leckere indische Frühstück, welches in daheim in Deutschland
so sehr vermissen würde, las ein bisschen und schaute den Berg an.
Manchmal unternahmen wir am Nachmittag etwas zusammen, beispielsweise
uns in traditionelle indische Salwar Kameez einzukleiden oder eine
Kleinigkeit im Shanti Cafe zu essen, manchmal redeten wir nur einfach
und machten weiter – nichts.
Dolce far niente.
Einmal unternahmen wir den Versuch, ein Stück den Berg zu besteigen,
um die Meditationshöhlen Ramana Maharishis und die Wasserfälle zu
besuchen. Ich wollte noch als Zeichen meiner Dankbarkeit und Verehrung
ein Ritual an die Wesenheit des Arunachala durchführen. In der
schamanischen Tradition, die mich an diesen Ort geführt hatte, nennt man
eine solche rituelle Gabe aus den verschiedensten Dingen, die die Natur
uns schenkt, ein „Despacho“.
Für das Despacho hatte ich im Ort eine Auswahl an Hülsenfrüchten,
Gewürzen und Nüssen gekauft, die hübsch arrangiert und mit unseren guten
Wünschen und unserem Atem als persönlichster Gabe dem Platz geschenkt
werden sollten. Ein solches Ritual ist immer ein besonderes Erlebnis,
man kommt in einen richtigen flow des Gebens und Nehmens und es entsteht
eine sehr schöne Energie dabei. Der Ort, den wir für das Despacho
auserkoren hatten, lag etwa auf halber Höhe und bot einen großartigen
Blick auf Tiruvannamalai mit seinem riesigen Tempelareal.
Die Nachricht, daß zwei Touristinnen mit einer Tasche voll Essbarem
auf einem kleinen Felsplateau saßen, muss sich in der Affenwelt rasend
schnell verbreitet haben. Kaum hatten wir begonnen die ersten Gaben
auszulegen, waren wir von einer ganzen Herde der Tiere umringt, die sich
frech ihre Lieblingsleckerbissen herauspickten, und alles, was nicht so
schmeckte, den Abhang hinunter fegten.
Ich gehe jetzt mal davon aus, daß der Apu bereits unseren guten
Willen als Ergebnis akzeptiert hat, und so sind wir eben wieder bergab
marschiert, ich für mich mit dem Vorsatz, daheim in Deutschland an einem
ruhigeren Platz ein weiteres Despacho zu machen. Unsere einheimischen
Tiere sind ja in solchen Dingen glücklicherweise etwas weniger
vorwitzig. Da die Wesenheit des Arunachala, Lord Siva selber, ja auch
als Affengeneral Hanuman inkarniert ist, war diese kleine Party unter
Verwandten vielleicht ein Ausdruck seines Humors und seiner Liebe zu
allen Wesen.
Die wunderbare überirdische, lichte, freudige und liebevolle Energie
des Berges durfte ich eines nachts spüren, als ich wach wurde und die
göttliche Präsenz viel intensiver spüren konnte als sonst. Es ist in
dürren Worten kaum beschreibbar, und ich bin leider keine mystische
Dichterin, die dieses Erlebnis in ausdrucksvollen, hymnischen Bildern
erzählen kann. Nur so viel: Ich lag in meinem Bett und die Tränen der
Rührung flossen in Strömen, und sie tun es noch jetzt, wenn ich nur
davon schreibe oder daran denke. Es war die Berührung der Gottheit
selber.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen