Eine
Freundin hat mich kürzlich auf meine Artikel zu Pradosham
angesprochen. Selber eine sehr spirituelle Person, aber unvertraut
mit indischer Philosophie, wollte sie wissen, wie ich denn immer
meine 108 Wiederholungen eines Mantra abzähle. Und da wurde mir
klar, daß es eine gute Idee sein mag, wenn ich ein paar grundlegende
Dinge zu Japa, der Praxis des Mantra-Rezitierens, erzähle.
Ein
Mantra ist in seiner ursprünglichen Bedeutung in der
Sanskrit-Sprache ein Gedankenwerkzeug, das den Geist reinigt, klärt
und befreit. Japa bezeichnet den entsprechenden Meditationsprozeß
des Mantra chantens, flüsterns, singens, oder auch der stillen
geistigen Wiederholung.
Es gilt
als sehr günstig, die heilige Zahl 108 des Hinduismus bzw.
Buddhismus mit der Japa-Praxis zu verbinden, beispielsweise indem man
ein Mantra 108 Mal oder ein Vielfaches davon wiederholt, oder auch
108 Minuten meditiert. Man kann wohl sehr tief in die mystische,
vielschichtige Bedeutung der Zahl 108 einsteigen, aber für solche
Erklärungen bin ich definitiv die falsche Person! Nur so viel: 108
stellt eine höhere kosmische Ordnungszahl dar, und sie erscheint
gerne in Zusammenhang mit Vollkommenheit und Abgeschlossenheit. So
gibt es 108 Namen der Gottheiten, 108 Upanishaden (heilige
Schriften), Siva tanzt 108 Schritte...
Eine
Mala, eine typische indische Gebetskette, besteht aus 108 Perlen und
einer 109. großen sogenannten Guru-Perle, die das Ende der
108er-Reihe markiert. Die Mala hilft uns also, uns vollkommen auf ein
Mantra zu konzentrieren, ohne durch zählen abgelenkt zu werden. Beim
Rezitieren des Mantra sollten die Perlen der Gebetskette durch den
Daumen und den Mittelfinger gleiten, bis das Ende der Reihe durch die
große Perle fühlbar ist. Wer eine neue Runde beginnen will, geht
nicht über die Guru-Perle hinweg, sondern dreht um und startet
sozusagen neu in Gegenrichtung.
Das
Material der jeweiligen Mala-Perlen hat eine besondere Bedeutung und
kann bei der Auswahl berücksichtigt werden. So sind Rudraksha-Malas
aus den Samen eines eines Baumes Siva heilig und werden deshalb gerne
von Siva-Anhängern, bzw. für Mantren an Siva verwendet. Tulsi und
Sandelholz dagegen werden für die Hinwendung zu Vishnu oder seinen
Inkarnation Krishna und Rama gewählt. Edelstein-Malas wie solche
aus Bergkristall eigenen sich gut für Devi-Mantras, und
Rosenquarz-Perlen für die Verehrung der Göttin Lakshmi. Es gibt
aber noch viele andere Materialien mit eigener Bedeutung, und wer
will, kann sich beim Kauf eingehender informieren.
Ein
Mantra besteht typischerweise aus einem oder mehreren ein- oder
mehrsilbigen Wörtern aus dem Sanskrit, der altindischen Hochsprache.
Warum verwenden wir nun Sanskrit-Mantren, und wiederholen nicht
einfach Wörter aus unserer eigenen Sprache, ähnlich wie bei
Affirmationen? Ein naheliegender und einleuchtender Grund ist
sicherlich der, daß es für uns als Praktizierende einfacher ist,
uns in ein bereits geschaffenes Energiefeld aus Klangschwingungen
einzuklinken, anstatt irgendwo völlig neu zu beginnen. Denn die
uralten Mantren sind in Tausenden von Jahren zigfach wiederholt
worden und damit auf energetischer Ebene bereits „abgespeichert“.
Der
andere Grund ist aber der, daß das Sanskrit als vollkommene Sprache
gilt mit der Besonderheit, daß auf der universalen, spirituellen
Ebene Sanskrit-Wort und seine Bedeutung eines sind. Der Klang des Wortes,
beispielsweise shanti (Frieden) IST auf spiritueller Ebene Frieden,
und nicht nur ein Ausdruck dafür.
Wenn
wir also ein Mantra rezitieren, verwirklichen wir seine Bedeutung auf
einer höheren, auf der spirituellen Ebene. Und da alle physische
Welt auf kleinster Ebene nicht-materiell ist und aus Schwingung
besteht, können wir mit dem Klang des Mantras zunächst unseren
Geist reinigen und klären, aber darüber hinaus auch unsere
physische Realität mit einer neuen, besseren Schwingung
durchtränken. Ein Mantra entfaltet, wenn es immer und immer wieder
wiederholt wird, eine große, wachsende und formende Kraft.
Spezielle
einsilbige Samen-Mantren oder Samensilben (beej mantra) sind typisch
für eine Gottheit und beinhalten wie ein Same die Kraft und dessen /
deren Eigenschaften. Es heißt, wer solche Silben durch stetes
Wiederholen verwirklicht, der verwirklicht die Eigenschaften der
Gottheit, bis diese dem Praktizierenden schließlich sogar erscheint.
Die
Mantra-Meditationspraxis wird idealer Weise morgens durchgeführt,
Ausnahmen wie beispielsweise die Pradosham-Rituale ausgenommen. Man
steht also auf, wäscht sich mindestens Gesicht und Hände, und wer
einen kleinen Altar hat mit Bildern, Statuen oder Yantras kann noch
eine Kerze entzünden und sich so einstimmen. Jedenfalls beginnt der
Alltag auf diese Weise geklärt und mit einer höheren Schwingung.
Viel
Erfolg und Segen wünscht
Mirabai
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